SCHWÄBISCHE ZEITUNG 01.07.2019
Dorothee L. Schaefer


Um die dynamische Dirigiergestik von Joolz Gale darzustellen, müsste man ein Video ansehen: Sein „Ensemble Mini“ reagiert jedenfalls auf die kleinsten Gesten des jungen Meisters, der selbst sehr nahbar, offen und natürlich wirkt (Foto: Dorothee L. Schäfer)

 

Mit jugendlichem Schwung und schlanker Besetzung
„Ensemble Mini“ musizierte im Wolfegger Bankettsaal

Vor den Fenstern des Bankettsaales, der nur sehr selten für Konzerte benutzt wird, breitet sich der Park des Wolfegger Schlosses aus. Wie flüssiges Gold strömt die Abendsonne durch eine üppig blühende uralte Linde, lässt die Blütenstände vibrieren und umgibt sie mit einer leuchtenden Kontur. Welch schöner Abend – und welch mitreißendes Konzert auf dem Podium!

Die 16 jungen Musiker aus deutschen Orchestern des „Ensemble Mini“, 2010 von Joolz Gale gegründet, einem Feuerkopf mit Struwwelpeterfrisur, stehen zumeist und haben nur einen knapp bemessenen Raum für sich und ihre Instrumente. Aber selbst bei dieser großen Hitze, die einigen von ihnen und auch dem Dirigenten sichtlich zu schaffen macht, bewahren sie nicht nur eine hinreißende Contenance, sondern auch über den ganzen Abend hinweg eine unangestrengt wirkende Präzision und beherrschte Virtuosität.

Joolz Gale ist Brite, obwohl sein Vorname niederländisch klingt, und erklärt auf Englisch sein Programm, das er für Wolfegg aus russischer Musik „From Russia with Soul“ – und auch sicher ...with love – zusammengestellt hat. In dieser turbulenten Zeit sei man nicht so freundlich mit den Russen, erläutert er seine Motivation für die russische Moderne, deren Vertreter alle „a crazy relationship with their country“ gehabt hätten. Seine Idee, große Orchesterwerke mit einer zweifach abgespeckten Besetzung, der so genannten „Schönberg-Besetzung“ für Soloinstrumente (plus zwei Schlagzeuge, Marimba, Akkordeon und Klavier) zu spielen, erweist sich bei Prokofjew, Rachmaninow und Schostakowitsch als so verblüffend einfach wie genial.

Natürlich bringt er in seinem Arrangement von „Romeo und Julia“ nur acht „greatest hits“ aus der über zweistündigen Ballettmusik unter, vor allem Szenen aus dem ersten Akt und nur zwei aus dem dritten Akt. Aber diese lassen die ganze Atmosphäre entstehen, vom folkloristischen Beginn bis hin zu lyrischen, dramatischen und melancholischen Passagen. Die markante Posaune, die klare Trompete, die martialische Perkussion, begleitet von der Piccoloflöte, die wunderbaren Holzbläser, allen voran die Klarinette, allesamt vokal angelegt: ein einziges Fest der Solostimmen, manchmal ein wenig zu stark im Volumen der Blechbläser, denn der Saal ist doch um einiges kleiner und niedriger als der Rittersaal.

Nach der Pause erklingt Rachmaninows „Vokalise op. 34 Nr. 14“, die von der usbekischen Komponistin Aziza Sadikova stammt, die schon öfter mit dem SWR zusammengearbeitet hat. Hier sprechen Klarinette und Fagott einen Dialog vor dem Orchester und weben einen schönen musikalischen Bogen, der so zart besinnlich ausklingt, dass erst nach einer sehr langen Minute der Dirigent die Musiker sich rühren lässt. Ein Seelenstück für Sopran ohne Text von 1915, auch hier vermisste man nichts, da hier alles 'Stimme' war.

Zum Abschluss mit Schostakowitschs Symphonie Nr. 9 Es-Dur op. 70 erklärte Joolz Gale, sie sei trotz der Entstehungsjahre 1944/1945 voller musikalischer „jokes“, die allerdings sehr rasch in tiefe Melancholie mündeten. Der erste der fünf Sätze beginnt mit einer zirzensischen Musik, schwungvoll und rhythmisch, dann wird sie wehmütig, dräuend, formal spielt sie zwischen Fuge und Tuttivolumen, knatterndem Blech, inniger Klarinette und luftig freier raumhaltiger Flöte, kurzum eigentlich ein Stück für großes Orchester, das hier von einem kleinen Orchester an Klangintensität gleichsam überboten wurde. Und zum Dank für den wirklich begeisterten Applaus gab es noch ein paar Takte aus dem dritten Satz Presto. Joolz Gale und sein Ensemble Mini - diese Namen sollte man sich merken.

 

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SCHWÄBISCHE ZEITUNG 01.07.2019
Katharina von Glasenapp

 

 



Rittersaalkonzert (Foto: Freundeskreis)

Frischer Blick auf Beethovens Fünfte
Internationale Wolfegger Konzerte
feiern 30jähriges Bestehen mit Galaabend

„Ta ta ta taaaa“ – der berühmte Beginn der fünften Symphonie von Ludwig van Beethoven eröffnete das festliche Orchesterkonzert im ausverkauften Rittersaal von Schloss Wolfegg: 30 Jahre Internationale Wolfegger Konzerte gilt es zu feiern, 25 Jahre davon unter der künstlerischen Leitung von Manfred Honeck, der die Atmosphäre im Saal und das Miteinander von fürstlicher Familie, Ehrengästen, Sponsoren und treuem Publikum sichtlich genießt. Zum Jubiläum hat er einmal mehr die Bamberger Symphoniker eingeladen, den Klangkörper, dem er seit dem Beginn seiner Dirigententätigkeit besonders eng verbunden ist. Nicht nur die Symphonie wurde frisch aufpoliert, sondern nach der Pause machten die slowakische Sopranistin Simona Šaturova und der Tenor Benjamin Bruns den kleinen Raum zwischen dem ersten Geigenpult und dem Dirigenten zur Bühne für große Opernszenen.

Mag ein Werk auch noch so bekannt sein, so gilt es doch, immer wieder Neues zu entdecken: „Business as usual“ gibt es bei Manfred Honeck nicht und ein frischer Blick auf die Partitur begeistert auch das erfahrenste Orchester. Das markante Eröffnungsmotiv der fünften Symphonie nahm er breit, als Signalruf, der immer wieder mahnend aufgenommen wird (die „Fünfte“ gilt ja auch als „Schicksalssymphonie“). Im straffen Tempo entwickelte sich der Satz in all seiner Energie, die von den Figuren und Instrumenten im Rittersaal noch befeuert zu werden schien.
Umso sanfter, in großen Linien angelegt war dann der langsame Satz mit den homogenen tiefen Streichern und dem Pulsieren der Bläser. Honeck und die Bamberger Symphoniker mit ihrem berühmten „dunklen Klang“ verschmolzen zu einer atmenden Einheit, erzeugten Spannung im dritten Satz und lösten sie im triumphierenden Finale auf: das „durch Nacht zum Licht“ – auch das eine Leitidee der Symphonie – wurde hier plastisch erfahrbar in einem Jubeltanz mit heftigen Pfiffen der Piccoloflöte und vielfachen Steigerungen des ganzen Orchesters.

 

Welch wandelbares Orchester

Im zweiten Teil verwandelten sich die Bamberger in ein ebenso höchst inspiriertes Opernorchester: die kontrastreiche Ouvertüre zu Mozarts vorletzter Oper „La Clemenza di Tito“ zeigte dunkle Dramatik und fein gezeichnete Bläser, das Vorspiel zum dritten Akt von „La Traviata“ war erfüllt von inniger Streicherkultur. Simona Šaturova gestaltete die Arie der Donna Anna aus „Don Giovanni“ mit Wärme, Pianokultur und hoffnungsvollen Koloraturen im Schlussteil, Benjamin Bruns gab den ihr entschlossen zu Hilfe eilenden Verlobten Don Ottavio. Dass die beiden dazu für das berühmte Duett „Reich mir die Hand“ überzeugend auch in andere Rollen – die leichtgewichtigere Zerlina und den verführenden Bariton Don Giovanni – schlüpften, geht wohl nur in einem solchen Galakonzert.

Seine Qualitäten als prächtiger lyrischer Tenor zeigte Bruns in der Arie des Nemorino aus Donizettis „Liebestrank“. Schade, dass er für das Schlussduett und auch für die Szenen aus Verdis „La Traviata“ auf die Unterstützung eines Notenhefts baute, denn gleich ging viel von seinem Spielwitz verloren. Die Arie des Alfredo, die so glückselig beginnt und in einer feurigen Cabaletta mit blitzendem Hochton endet, präsentierte er gleichwohl mit tenoralem Glanz. Als Persönlichkeit voll widerstreitender Emotionen und innerer Stärke verwirklichte Simona Šaturova die große Szene der Violetta: Große Ausbrüche und selbstverständliche Koloraturen verband sie mit Bühnenpräsenz und Körpersprache.

Getragen vom beschwingten Dreiertakt verabschiedeten sich Solisten, Orchester und Dirigent mit dem zündenden Trinklied aus „La Traviata“, passend zur festlichen Stimmung und der lauen Sommernacht.

 

 

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Vorarlberger Nachrichten 3. Juli 2019
Christel Voith

Ein umjubelter Konzertabend mit Honeck, den Bamberger Symphonikern und den Sängern Simona Šaturová und Benjamin Bruns (Foto: Helmut Voith)

Ein schönes Fest der Klänge
Eine Uraufführung und Beethovens monumentale „Missa Solemnis“ zum 30. Geburtstag der Wolfegger Konzerte.

WOLFEGG Seit 25 Jahren ist Manfred Honeck der künstlerische Leiter der Internationalen Wolfegger Konzerte, die seit 30 Jahren bestehen. Grund für ein außergewöhnliches Kirchenkonzert, das jüngst enthusiastisch gefeiert wurde.

„Musikalische Schwerathletik“ wurde Ludwig van Beethovens „Missa solemnis“ schon genannt. Zusammen mit den Bamberger Symphonikern, dem Philharmonischen Chor München und einem exzellenten Solistenquartett ist dem Vorarlberger Dirigenten Manfred Honeck (60) eine gültige Aufführung gelungen, die mit kraftvoller Energie tief in die Emotionalität der Messe eindrang. Der Chor und das Orchester begeisterten im lyrischen Piano ebenso wie in heftigster Expressivität, ein Kleinod für sich war das betörende Violinsolo des Konzertmeisters, das über dem Benedictus schwebte. Harmonisch, in faszinierenden Übergängen wuchsen die Solisten – die Sopranistin Christina Landshamer, die Altistin Gerhild Romberger, Tenor Benjamin Bruns und Bass Franz Josef Selig aus dem Chor heraus. Manfred Honeck setzte klare Akzente, ließ gewaltige Kontraste zu, wie zum Beisepiel im Übergang von der tiefen Ruhe des „passus et sepultus est“ zum dramatischen „Resurrexit“.

Uraufführung

Vorausgegangen war die Uraufführung eines 20minütigen Auftragswerks: sieben kleine Reflexionen für Orchester unter dem Titel „Corporis Mysterium“ von Till Alexander Körber (geb. 1967), in denen Honeck seine Verbindung zur Neuen Musik bewies. Körbers Musik führt in die dargestellten Mysterien. Körperlich schmerzt die „Via Crucis“, der schleppende Gang, die Verhöhnung und die Schläge auf dem Kreuzweg. „Himmlisches Geleit“ geben Bläser und tanzende Violinen im „Sanctus Angelorum“, schmerzhaft kehrt die „Consecratio“, das Opfer, zur Dramatik des Kreuzwegs zurück, während die „Communio“ den Zuhörer tröstlich umfängt.

Bis auf den letzten Platz war der Rittersaal im Schloss Wolfegg tags zuvor beim Orchesterkonzert gefüllt. In ungeheurer Dynamik lotet Manfred Honeck Beethovens Fünfte mit den Bamberger Symphonikern aus. Sprungbereit, mit geballter Faust fordert Honeck im ersten Satz gewaltige Crescendi heraus, dann der Kontrast, das Andante. Mit den Bambergern hat er einen exquisiten Klangkörper, der unter seinem Dirigat noch über sich hinauswächst. Es stimmt einfach alles, ob im Pianissimo, dem selbst die Vögel im Innenhof atemlos zuzuhören scheinen, im duftigen Pizzicato oder im Prestissimo, im großen Finale.

Glanzlichter der Oper

Der zweite Teil gehört Glanzlichtern der Oper, gesungen von der Sopranistin Simona Šaturová und dem Tenor Benjamin Bruns. Nach der dramatischen Ouvertüre zu Mozarts „Titus“ stellen sich die Sänger in Arien und einem Duett aus „Don Giovanni“ vor. Schmerz und Leidenschaft Donna Annas trägt die Sopranistin in reicher Schattierung, in glockenklaren Koloraturen in den Raum, während der Tenor als Verführer schmeichelnden Schmelz und vitale Kraft einsetzt.

Herrlich spielt das Duo das Wechselbad der Gefühle im Duett des Verführers mit Zerlina aus. Mitreißend folgt Gaetano Donizettis „Elisir d’amore“: Nemorinos berührende Arie „Una furtiva lagrima“ wie sein komödiantisch ausgekosteter Griff zum Liebestrank. Da darf zuletzt Verdis „Traviata“ nicht fehlen, Alfredos Gefühlsüberschwang, Violettas Erleben einer ihr unbekannten Leidenschaft, beider strahlendes Liebesglück im Duett „Libiamo“, mit begeisternder Kraft modelliert.