SCHWÄBISCHE ZEITUNG 28.06.2021
Dorothee L. Schaefer


Foto: Freundeskreis Wolfegger Konzerte e. V.



Strahlende Gesichter hinter der Maske

Erstmals seit der Pandemie gab es wieder die Internationalen
Wolfegger Konzerte

Das Wetter trotzte der Vorhersage und spielte wunderbar mit  bei den
Internationalen Wolfeg- ger Konzerten, die den absoluten Beginn
des Festivalsommers in Süddeutschland setzten. Alle anderen
Veranstaltungen hatten sich erst für Juli entscheiden mögen, denn
bei der schwierigen Planung mit vielen von Corona bedingten
Unwägbarkeiten war der Juni doch noch ein riskanter Termin. Im
vergangenen Jahr mussten die Internationalen Wolfegger Konzerte,
die vom gleichnamigen Freundeskreis unter dem Vorsitz von
Fürstin Viviana von Waldburg zu Wolfegg und des Geschäftsführers
Bernd Mayer jedes Jahr veranstaltet werden, wegen der Pandemie
abgesagt werden.

Umso glücklicher und dankbarer waren der Freundeskreis und die
Gemeinde Wolfegg, dass in diesem Jahr wenigstens zwei Abende
stattfinden und am ersten Abend das im letzten Jahr ausgefallene
Konzert mit dem Eliot Quartett nachgeholt werden konnten. Dass
sich zudem Manfred Honeck zum Orchesterkonzert bereit erklärt
hatte, ist seinen nun schon Jahrzehnte dauernden freundschaftlichen
Verbindungen zu Wolfegg zu verdanken.

Es ist ein kleines intimes Festival, das viele Gäste aus Oberschwaben,
der Bodenseeregion, Bayern, aus der Schweiz und Vorarlberg
nach Wolfegg zieht. Der schöne und gepflegte Ort mit einer nahezu
unveränderten Landschaftsumgebung wirkt dazu wie eine Idylle
auf das Gemüt und ermöglicht den musikinteressierten Besuchern
entspannte Konzentration und erfreuliche Begegnungen unter
Gleichgesinnten. Man sei doch regelrecht ausgehungert nach dieser
langen kulturellen Trockenzeit, sagt eine Besucherin im Gespräch.
Wie wahr - und umso mehr freuten sich alle, das war spürbar,
nicht nur im anhaltenden Riesenapplaus für das Quartett.

Das eigentliche Problem bei Corona - das hatte sich schon im
vergangenen September bei Konzerten der Ludwigsburger
Schlossfestspiele gezeigt - ist bei Veranstaltungen größerer Art
der Eintritt, der Ausgang und der Abstand im Veranstaltungs-
Saal. Die Wolfegg Information und der Freundeskreis hatten aber
klug vorgesorgt: Dazu waren im Schlosshof drei Pavillons
aufgestellt worden für die drei Gruppen der zu erwartenden
Gäste - getestet, genesen und geimpft. Da nicht alle auf einmal
kamen, ging es zügig zur Begutachtung und beim Warten
auf den Eintritt gab es viel Platz, um beim persönlichen Plausch
Abstand zu halten. Natürlich musste auf eine Bewirtung
verzichtet werden sowie auf den Empfang danach, aber einmal
am Platz angelangt, durfte man die Maske ablegen. Im
Bankettsaal waren Stühle für 76 Gäste - die meisten als Zweierpaare -
aufgestellt. Der Saal ist zwar kleiner als der Rittersaal, der 152
Gäste unter derzeitigen Bedingungen fasst, aber beide sind groß,
hoch und sehr gut zu belüften.

Bleiben also die Risiken beim Gang über die historische Treppe mit
Handlauf oder per Aufzug in den zweiten Stock. Aber auch hier
ist alles bestens vorbereitet, zumal schon im Hof die Desinfektion
der Hände möglich war. Es darf sich also auf die nächsten Konzerte
im September dieses Jahres in Wolfegg gefreut werden, wenn
vielleicht auch wieder ein Konzert in der Kirche stattfinden wird.  

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SCHWÄBISCHE ZEITUNG 29.06.2021
Katharina von Glasenapp

 


Foto: Roland Rasemann  

 

Die Musik kehrt zurück ins Wolfegger Schloss 

Begeisterung um ein junges Streichquartett und das Mozarteumorchester
Salzburg unter Manfred Honeck 

 

Im vergangenen Jahr mussten die Internationalen Wolfegger Konzerte
ausfallen, auch heuer konnte nur eine verkürzte Form stattfinden -
aber, und das war für alle Beteiligten das Besondere: Die Musikerinnen
und Musiker konnten vor Publikum spielen. So wie das vielfach
ausgezeichnete Eliot Quartett seinen ersten Auftritt nach acht Monaten
Zwangspause genoss, erfreuten sich die Zuhörerinnen und Zuhörer
an dem intensiven Spiel des Quartetts und am mitreißenden Auftritt
des Mozarteumorchesters Salzburg. Aus der kleinen Alten Pfarr
am Ortsrand war man mit dem Preisträgerkonzert in den Bankettsaal
im Schloss umgezogen, durch die Wiederholung des Orchesterkonzerts
konnten immerhin gut 300 Men- schen (statt sonst 800) im großen
Rittersaal begrüßt werden. Eine Meisterleistung für das Organisationsteam. 

Der Bankettsaal beeindruckt mit seiner wunderbaren Ausstattung, dem
einfallenden Licht und dem schwingenden Holzboden. Für
Streichinstrumente ist der Raum hervorragend geeignet, vielleicht ein
bisschen überakustisch. Das Eliot Quartett hatte den spätromantisch
langsamen Satz von Anton Webern und das brennende letzte
Streichquartett von Franz Schubert ausgewählt. Durch die Zugaben,
zwei Sätze von Haydn, wurde die Geschichte des Streichquartetts
gleichsam rückwärts erzählt. Ein spannender Ansatz, denn im ungeheuer
dichten Satz von Webern wird der romantische Ausdruck an die
Grenzen geführt, danach konnte nur noch die Auflösung in der
Zwölftontechnik folgen. Maryana Osipova an der ersten Geige und ihre
drei Kollegen musizierten den üppigen Satz mit großem Atem,
reich an Farben und Emphase bis zum großen Höhepunkt, dem
spinnwebfeine und fahle Klänge folgten. 

Schubert dagegen ging mit seinem letzten Quartett aufs Ganze, in den
starken Kontrasten in Dynamik und Tempo, dem steten Pendeln
zwischen Dur und Moll scheint das Werk bereits im Entstehungsjahr
1826 den Weg in die Moderne zu weisen. Mit Temperament, rhythmi-
scher Stringenz, spannenden Beleuchtungswechseln und einem
innigen langsamen Satz mit Cellosolo machte das Eliot Quartett seine
Interpretation zum unmittelbaren Erlebnis. Die Facetten seiner
Interpretationskunst bewies das sympathische Quartett mit den feinen
Verästelungen im langsamen Satz von Haydns op. 20/5 und der filigran
gestochenen Fuge. 

Manfred Honeck ist pandemiebedingt abgeschnitten von seinem Pittsburgh
Symphony Orchestra, dessen Chefdirigent er ist. Mit dem
Mozarteumorchester Salzburg hat er schon öfters zusammengearbeitet
und führte es nun mit der ihm eigenen leidenschaftlichen Hingabe.
Natürlich umrahmten zwei Werke von Mozart das Programm im großzügig
bestuhlten Rittersaal: die eröffnende ,,Serenata notturna“
korrespondierte in ihrem Einleitungsmarsch aufs Beste mit den
Ritterfiguren im Saal. Ein Soloquartett der Stimmführer von ersten und
zweiten Geigen, Bratsche und Kontrabass spiegelte auf erfrischende
Weise die allgegenwärtige Nähe zum Musiktheater in den Werken des
Salzburger Meisters. In der abschließenden Symphonie Nr. 33 mischten
sich noch Holzbläser und Hörner mit ihren besonderen Farben ins Orchester. 

In die Mitte des Programms hatte Manfred Honeck zwei höchst gelungene
Liederzyklen von Antonin Dvořák und Gustav Mahler gesetzt: Die
Zigeunermelodien des Tschechen und vier Lieder aus ,,Des Knaben
Wunderhorn". Lieder ohne die Mitwirkung eines Sängers oder einer
Sängerin, bei denen man dank der gekonnten Bearbeitung durch den
Dirigenten und den tschechischen Arrangeur Tomas Ille die Texte
innerlich mithörte - oder sich eine eigene Geschichte ausdachte. 

Mit Schellentrommel, Triangel, Harfe und Streichern kam der
Volksmusikcharakter der Dvořák-Lieder bestens zum
Ausdruck, poetische Waldstimmung und schwärmerische Innigkeit blühten
unter den Händen des Dirigenten auf. So dargeboten wären die
Lieder eine prächtige Alternative zu den beliebten „Slawischen Tänzen“.
Aus vier Mahler-Liedern entstand gleichsam eine Symphonie im Kleinen,
voller Charme in der filigranen Bewegung des ersten Liedes und im
scherzhaften Dialog von ,,Kuckuck und Nachtigall“. 

Berührende Intensität erzeugte Honeck natürlich in ,,Urlicht“, dem Lied,
das seinen besonderen Platz in der „Auferstehungssinfonie“ von Mahler
hat und das der tiefgläubige Dirigent in einem innigen Adagio mit zarten
Triangel-Lichtpunkten, Harfenklängen und einer strömenden
Streichermelodie zum Klingen brachte. Nach der langen konzertlosen
Durststrecke war dieses Wolfegger Wochenende Balsam für Musiker und
Publikum gleichermaßen.

 

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